Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit

Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit


# Liturgisches Leben - St. Cäcilia
Veröffentlicht am Montag, 18. Mai 2020, 21:22 Uhr
© Emmeram Schopper

Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen - Der Geist der Wahrheit stärkt den einzelnen – nicht den Mainstream

Alle drei Lesungen des Sonntags vor dem Fest Christi Himmelfahrt kreisen um die Frage der besonderen Lebensform der Christen, um die Frage, woran sie erkennbar sind. Was das Besondere ist, das Unterscheidungsmerkmal des Christentums.

Das ist nicht so einfach in diesen Tagen, wo das Christentum sich wochenlang auf Internet und den persönlichen Glauben tief im Herzen zurückgezogen hat. Die Apostel stärken den Glauben der neuen Christengemeinde in Samaria – so haben wir es in der 1. Lesung gehört. Sie spenden die Firmung: damit sie den Hl. Geist empfangen.

Sie kommen dazu extra aus Jerusalem angereist. Was ist das für eine Stärkung mit etwas Unsichtbarem?

Da hilft uns ein Blick auch in die anderen Lesungen des heutigen Sonntags. Sie stehen in ihrem Kontext in bedrückenden Situationen. Der Petrusbrief richtet sich an Gemeinden in Kleinasien, die so sehr diskriminiert werden von ihrer Umwelt, dass die Gefahr besteht, dass sie sich auflösen.

Wenn der Petrusbrief uns auffordert, Rede und Antwort zu stehen, dem, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, so fragen wir meist zurück: Ja was ist denn das? Woran glaube ich denn? Kann ich das?

Das sind typische Fragen und doch sind sie am falschen Platz. Die richtige Frage lautet: Wem soll ich neue Hoffnung schenken? Gibt es jemanden, der meinen Beistand braucht? Der das Licht des Glaubens nötig hätte? Und wer könnte das sein in meiner Umgebung, in meinem Bekanntenkreis?

Und es ist interessant, daß der Nachsatz meist nicht mitzitiert wird: Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig. Nicht laut und belehrend, mit erhobenem Zeigefinger. Es geht nicht darum, denen, die hoffnungslos sind, ihre Not auch noch drastisch auszumalen, sondern um das Wenige, das wir wirklich erhoffen – vielleicht ist es nur ein Wort. 

Im Johannesevangelium heißt dieses eine Wort: „Liebt einander!“ Christus verheißt seinen Jüngern im Abendmahlssaal einen anderen Beistand, der für immer bei ihnen bleibt, der ihnen ermöglicht, dieses Gebot zu erfüllen.

Wir haben an diesem Wochenende die ersten Bundesliga-Spiele vor leeren Rängen gesehen. D.h. ich habe keinen Fernseher. Sie haben das vielleicht gesehen. Wie merkwürdig ist das? Fußball ist eine Massenveranstaltung. Man braucht Stadien dafür. Massenveranstaltungen hat es zu allen Zeiten gegeben. Und ich glaube, es wird sie auch irgendwann wieder geben. Aber der Glaube an die Masse, wie er vor allem im 20. Jahrhundert entstanden ist. Man könne die Welt besser machen, wenn man Massenbewegungen initiiert, Empörung hervorruft, die endlich einmal zeigen kann, wie die Menschen wirklich denken, die gleichsam in der Masse den Ort der Wahrheit vermutet.

Ob dieser Glaube nicht gerade heute einen großen Dämpfer bekommen hat? Ist es nicht auch so, dass die Masse der Ort der Entfremdung, der Anonymität und der Einsamkeit ist?

In der Zeit des Petrusbriefs hatten es die Christen schwer, denn die Masse dachte anders. Sie machte den Kaiserkult mit und ärgerte sich über die Skrupel der Christen, die damit ein Problem hatten.

Und dieser Beistand, den die Apostel durch die Handauflegung herabrufen, dieser Beistand, den Christus im Abendmahlssaal verheißt, ist eben nicht eine Art „Schwarmintelligenz“ – Er ist kein statistisch erfassbares Massenphänomen. Keine Bewußtseinsstufe, die es zu erreichen gilt. Sondern Stärkung des einzelnen in seiner Not.

Denn wer ehrlich sein will, wer ein reines Gewissen hat, wird die Masse bald gegen sich aufbringen. Wer immer nur genau das tut, was en vogue ist, braucht keinen Beistand, er schwimmt einfach mit. Wer sich aber einen klaren Blick bewahrt hat, wird die Not seines Nächsten sehen und er wird Rede und Antwort stehen von der Hoffnung, die ihn erfüllt.

Das Christentum ist geboren worden in dieser Situation der Vereinzelung. Die Jünger hatten sich versprengt, sind davongelaufen von Golgotha. Als sie sich um den Auferstandenen geschart hatten, wurden sie durch die Verfolgung nach der Steinigung des Stefanus wieder in alle Himmelsrichtungen versprengt – nun nach Samarien. Immer aber war es ihnen möglich, die Vereinzelung zu durchbrechen, weil sie den Geist der Wahrheit in sich hatten, der ihnen die Hoffnung einprägte, daß die Liebe stärker ist als der Haß, daß sie zunimmt, wenn sie praktisch wird, daß die Liebe die einzige Investition ist, die sich immer lohnt.

Diesen Geist der Liebe hat unsere Welt immer nötig. Die Augen des Herzens hat sie nötig und die Tapferkeit der Liebenden, die die Vereinzelung überwindet.